Chinesische Philosopie

"Die größte Offenbarung ist die Stille"

„Die größte Offenbarung ist die Stille“ (Laozi)

Die Geschichte von Laozi und dem Daodejing

Im 11. Jahrhundert v. Chr.,vollzieht sich in China ein Umbruch. Die Thai-Volks-gruppen, die das Land dünn besiedeln, werden durch hereinbrechende persische Völkerstämme verdrängt, die im Bereich des Gelben Flusses die neue Zhou-Dynastie gründen. Hauptstadt dieses neuen Reiches wird Loyang. Die anfängliche Einheit zerbricht nach einigen Jahrhunderten in 16 Teilstaaten, die alle nach der Herrschaft drängen und sich wilde Schlachten liefern. Parallel dazu beginnt ein Nachsinnen unter den Gelehrten, wie ein Herrscher wohl am besten regieren sollte – die Überlegungen reichen von sehr enthaltsamen Vorschlägen bis hin zu recht brachialen – und sind so vielgestaltig, dass die Geschichtsschreibung später von den „Hundert Schulen“ spricht.

Im Jahr 551 v.Chr. wird dann Kongzi geboren, im Westen besser bekannt unter seinem latinisierten Namen „Konfuzius“. Obwohl sich seine streng patriarchalische Lehre nach seinem Tode in ganz China verbreiten und langfristig über alle Kaiserdynastien hinweg als gültige Staatsmaxime durchsetzen wird, kann er zu Lebzeiten noch keinen der Teilherrscher von seinen Idealen überzeugen. Nachdem er längere Zeit erfolglos lehrend durchs Land gezogen ist, beginnen seine Nachfolger mit den schriftlichen Aufzeichnungen der „Gespräche des Konfuzius“ und nehmen als Ausschmückung noch ein paar fiktive Lehrer in die Vita auf, um Kongzis Wissbegier und Lerneifer zu unterstreichen. Einen dieser Lehrer benennt man völlig willkürlich Lao Dan, den „alten Dan“, der nicht als Taoist dargestellt wird und von Kongzi auch nur zu einem kleinen Teilbereich der Riten befragt wird. Berühmtester Schüler des Kongzi wird in der Folgezeit Mengzi (Menzius).
369 v.Chr. wird dann Dschuangdse (Zhuangzi) geboren. Er zählt zu den „Eremiten-Philosophen“ und entwickelt sich zu einem äußerst redegewandten Vertreter dieser Richtung, der jedem vernunftbegabten Menschen den völligen Rückzug aus dem chaotischen öffentlichen Leben empfiehlt und seine Lehre mit dem kursierenden philosophischen Begriff des Tao so gut formuliert, daß sich um ihn herum eine eigene Schule bildet. Der Name Lao Dan wird in seinen Schriften erwähnt.
Eine andere philosophische Strömung dieser Zeit bilden die „Geschichtsschreiber-Philosophen“, die durch ihre angesehene Tätigkeit ebenfalls Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen. Da sich beide Schulen auf den zentralen Begriff des Tao stützen, werden sie in der Regel mit der Bezeichnung „Naturphilosophen“ zusammengefasst.

Während sich die philosophischen Auseinandersetzungen in der unruhigen Zeit der „Streitenden Reiche“ (bis 221 v.Chr.) mehr und mehr zuspitzen, kristallisieren sich sechs „Schulen“ als führende Lehrmeinungen heraus; nach den Konfuzianern bilden die „Naturphilosophen“ (später Taoisten genannt) die zweitstärkste Fraktion.
Ab 250 v.Chr. wird die bisherige Spruchsammlung der „Naturphilosophen“ dann als das Werk des Lao Dan ausgegeben. Lao Dan wird zum Weisen erklärt, seine Anhänger bezeichnen sich fortan als „Laoisten“.
Die laoistischen Lehrtexte haben im 3. Jhr. v.Chr. schon weitestgehend ihre spätere Endform angenommen, tragen aber noch keinen speziellen Namen. Die Anhänger nennen sich mittlerweile „Taoisten“ und man hat den Name Lao Dan durch die respektvollere Bezeichnung Laozi („Alter Meister“) ersetzt. Als der berühmte Großhistoriker Sima Qian um 110 v.u.Z. mit seinen biographischen Aufzeichnungen beginnt und in Kapitel 63 schließlich auf einen gewissen Laozi zu sprechen kommt, kann er sich nur auf das stützen, was die Überlieferungen seiner Zeit berichten. Durch seine erstmalige Aufzeichnung der chinesischen Frühgeschichte gewinnt die Laozi-Legende an Realität und wird zum kulturellen Bestandteil für alle nachfolgenden Generationen.

Die Person des Laozi

Die Geschichtsforschung zeigt, daß in der chinesischen Legende des Laozi drei unterschiedliche Gestalten miteinander verschmelzen: Jener Laozi als angeblicher Verfasser des Daodejing und Zeitgenosse des Konfuzius; dann ein Geschichtsschreiber Tai Shi Dan am Hofe des Zhou-Staates; und schließlich noch ein Lao Lai Zi, den aber nur der Großhistorikers Sima Qian in seinem Bericht erwähnt.

Das Daodejing
Der Begriff Daodejing wird überhaupt erst um das Jahr 150 v.Chr., erstmalig erwähnt. Der Überlieferung nach nimmt es der Han-Kaiser Ging Di (156-140 v.Chr.) für sich in Anspruch, der taoistischen Lehrspruchsammlung diesen Namen gegeben zu haben. Den Text des Daodejing erhielt er von seinem Vater und dieser wiederum will ihn von einem Weisen namens He Shan Gong empfangen haben.

Die taoistischen Lehrsprüche entwickelten sich mit größter Sicherheit aus überliefertem chinesischen Spruchgut, nahmen Anleihen beim Sprichwort, beim Rätsel, und ähnelten einer Sammlung alter Volksweisheiten (manche Absätze beginnen wörtlich mit „Die Alten sagten …“). Die taoistischen Lehrsprüche existierten anfänglich in mündlicher Form, wurden von Jahrhundert zu Jahrhundert neu interpretiert, umgeformt und je nach Sicht und Einsichtsfähigkeit der Übermittler verwendet. Ab dem Jahr 150 v.u.Z. bildete sich dann die Bezeichnung Daodejing heraus, „Das klassische Buch vom Dao und De“.

Durch die ‚Seidentexte von Mawangdui‘ und die gefundenen Textfragmente auf Bambusstreifen, die sich inhaltlich alle sehr ähneln, kann man nun davon ausgehen, dass ein weitestgehend feststehender Wortlaut schon im 4. Jahrhundert v.d.Z. existierte, der dann über die Jahrhunderte hinweg nahezu ohne große Abweichungen überliefert wurde. Der in Schriftform fixierte Text ist ursprünglich nur in zwei Abschnitte eingeteilt, weist aber eine Interpunktion auf, die die später erfolgte klassische Einteilung in 81 Kapitel nachvollziehbar macht.

Größte Überraschung war bei den Textfunden von Mawangdui die Tatsache, daß die beiden Textteile des Dao und De in ihrer Reihenfolge vertauscht waren: Das Kapitel De steht vor dem Kapitel Dao,so dass sich als neuer Name des Werkes nun eigentlich Dedaojing ergibt. Man interpretiert diese Umstellung der Kapitel aber als eine rein zeitbezogene und somit kurzfristige Interpretationsgewichtung des Textes zugunsten des mehr praxisbezogenen Teils des De, dem der eher theoretische Teil des Dao untergeordnet wurde. Spätere Generationen haben die Abfolge dann wieder in die bekannte Form des Daodejing geändert.

Vor allem weisen die gefundenen Textversionen durch kleine inhaltliche Abweichungen eindeutig darauf hin, daß ihre Grundlage auf gesprochene Sprache zurückgeht und sie nicht als Schrifttext entworfen wurden. Auch die starke lautgereimte Form des Textes spricht für diese Annahme, da eine Form in Reimen zur damaligen Zeit bei Schriftstücken nicht üblich war.